10.03.1997

Tiandiren - Gedanken zur Namensgebung unserer Zeitschrift

Zuzana Sebková-Thaller

Das Namenlose rief Himmel und Erde ins Leben
(Daodejing, 1. Aphoismus)

Dieser Satz ist eine Chiffre für "Ursprung". Bei diesem Ereignis entstehen "Himmel" und "Erde". An ihrem Ursprung steht das "Namenlose". Weil alles, was ist, auch Sprache, zu Himmel und Erde gehört, ist der Ursprung von Sprache selbst "sprachlos" und hat keinen Namen. Jeder Name nämlich bedeutet Beengung und wird dem Unbegrenzten und Unermeßlichen des "Dao" nicht gerecht. Man nennt es auch "groß" (Daodejing, 25. Aphorismus, Übers. Wing/Kobbe, in Tao. Lao tzu: Tao-te-king. Chuang-tzu: Innere Lehren, hrsg. von G. Riemann, München 1994. Alle Zitate aus dem Daodejing, bei denen keine andere Angaben folgen, stammen aus dieser Ausgabe). Es ist vor jedem Beginn und jenseits jeden Endes. Es schenkt jedem Ding seine Gestalt, obwohl es selber gestaltlos ist. Dieses formlose "Nichts", das nicht einmal "eins" ist, weil sich "eins" schon von anderen Zahlen abhebt, sondern eine "Nichtzahl" ist - eine Ermöglichung, in der alles angelegt, aber nicht differenziert ist, dieses "Nichts" bringt durch seine Spaltung Bewegung in den Kosmos. Mit der Spaltung in zwei polare Kräfte entsteht die Zahl und beginnt die Schöpfung. Dies entnehmen wir auch anderen Übersetzungen, die für das "Hervor-" oder "Ins-Leben-Rufen" die Begriffe "Urgrund-", "Ursprung-" oder "Beginn sein" wählen:

namenlos / des himmels, der erde beginn (E. Schwarz). Das Namenlose ist des Himmels und der Erde Urgrund (v. Strauß). Als der Unoffenbare / ist er (der Dao) des Himmels und der Erde Ursprung (Schmidt)

Die Namensgebung steht hier, wie die Zahl, für das Formfassen. In dem Unoffenbaren gibt es keinen Namen, keine Zahl - keine Form. Erst indem sich Dao spaltet, enstehen Form und Zahl. Es ist die Weise, wie sich Dao offenbart. Himmel und Erde sind seine ersten Erscheinungsformen. Der erste Aphorismus sagt verdeutlichend "Das Nennbare ist die Mutter aller Dinge" und stellt es ausdrücklich dem Dao gegenüber, worüber es heißt "Das sagbare Dao ist nicht das Dao des Absoluten. Der nennbare Name ist nicht der Name des Absoluten".

 

Warum fragen wir nach dem Ursprung?

Es geht hier, wie bei allen "Schöpfungsmythen", um das Geheimnis des Ursprungs. Vor diese Frage ist das Wesen gestellt, das wie kein zweites seine Gewordenheit und seine Vergänglichkeit, seinen Ursprung und seinen Verfall erfährt: Die Urerfahrung von "Zeit" zwingt den Menschen zur Frage des "Ursprungs". Diese Frage hat nicht nur einen historischen Sinn. Der bleibt gewöhnlich den Theologen und Philosophen überlassen und könnte auch ruhig im Dunkeln oder ganz unter-bleiben. Verschärft kehrt die Frage nach dem Ursprung in jedem Augenblick wieder. Sie beruht auf der Erfahrung, daß "Welt" in jedem Augenblick neu entspringen, neu geschöpft werden muß, um zu "sein". Das Wesen der Zeit ist nicht nur an den historischen Anfängen unheimlich anwesend: packender, gegenwärtiger noch ist es in jedem Augenblick: "Aufsteigt der Strahl und fallend gießt/ Er voll der Marmorschale Rund ..." (C.F. Meyer, Der römische Brunnen). Was dem Brunnen seine Faszination verleiht, ist seine gewaltige Nähe zu "Ursprung" und "Zeit". Im "Strömen" und "Ruhen" beruht das Geheimnis der "Zeit", daß "Augenblick" und "Ewigkeit" kein Widerspruch, sondern zwei Seiten des einen Urgeschehens sind. Im Mittelalter wurde diese "ständige Schöpfung" creatio continua genannt. Während der Anfang der Zeiten in der Hand der Dogmatiker war, waren um den "Augenblick" v.a. die Mystiker bemüht. Im nû der êwichkeit ist das Geheimnis der Zeit, ihr fortwährendes Schwanken zwischen den äußersten Gegensätzen von "Augenblick" und "Ewigkeit" auf seine griffigste Formel gebracht: ... "vüllede der zît": Daz ist daz nû der êwicheit ... "'Fülle der Zeit': Das ist das Nun der Ewigkeit." (Meister Eckhart, Predigt In illo tempore missus est angelus Gabriel , hsg. von J.Quint, Stuttgart 1958, Bd.II, S. 231)

Die Frage des Ursprungs widerspiegelt aufs schärfste das Selbstverständnis einer Kultur. Selbst eine große Kultur bringt nur wenige Schöpfungsmythen hervor. Von ihnen ist sie umgeben wie mit einem Horizont: Er steckt den Bereich des Verstehens und des Selbstverständnisses ab, sein eigener Ursprung aber bleibt im Dunkeln. Weil wir in ihm wohnen, gewöhnen wir uns an ihn und werden leicht blind für seine Besonderheit. Darum birgt die Begegnung mit einer fremden Kultur eine ungeheure Aussicht und eine ebenso große Gefahr. Die Aussicht ist die neue Erfahrung eines neuen Horizonts. Dies kann nur gelingen, wenn wir auch unseren eigenen Horizont neu erfahren. Das ist vermutlich das Schwierigste. Die alten Grundwörter sind bei aller Abgegriffenheit doch so griffig, so leicht zur Hand, daß wir sie kaum entbehren können. Wir sind ohne sie wie ohne Kompass und ohne Uhr und Oktant auf hoher See. Die Begriffe "Geist" und "Materie", dieser Inbegriff an Abgegriffenheit, rettet uns aus der Seenot der Sprachlosigkeit - und entzieht uns durch seinen Schein an Selbstverständlichkeit für immer die Aussicht auf das neue Ufer. Wir werden in den alten Schläuchen immer nur alten Wein schmecken, berauscht von dem Wahn, zu neuen Ufern und neuen Weinbergen aufgebrochen zu sein. Wir werden das Neue der neuen Begriffswelt erst wahrnehmen können, wenn uns die eigenen Grundbegriffe fragwürdig geworden sind. "Geist" und "Materie" aber wurzeln in einer Erfahrung von "Himmel" und "Erde", die uns als Mythos nicht frag-würdig, sondern ganz einfach unglaubwürdig geworden ist. In "Materie" steckt "Mutter Erde". Im "Geist" spukt der "Himmel". "Himmel" und "Erde" sind aber keine Bereiche mehr, die unser tägliches Dasein tragen. Sie sind in diesem Sinne untergegangen. Nur ihre Begriffswelt hat uns noch im Griff, hat das ewige Leben, und verhindert jeden neuen Anfang.

 

Die Grundbegriffe

Da ist kein anderer Weg: Wir wollen die eigenen Grundbegriffe möglichst meiden. Wenn sie unausweichlich sind - wie könnten wir der Worte "Himmel" und "Erde" entbehren? - dann seien wir uns der Gefahr bewußt, die von ihrer scheinbaren Selbstverständlichkeit ausgeht. Wie wenig selbstverständlich sie in Wahrheit sind, geht aus Prof. Lin Zhongpengs Aufsatz hervor: "Erde" wird hier mit "Gesellschaft" identifiziert. Das ist doch nicht selbstverständlich! Weit eher leuchtet doch ein, die "Gesellschaft" dem Bereich des Menschen und seinem Ort zwischen "Erde" und "Himmel" zuzuordnen. Wir sehen, solange wir so gewaltig in den Grundbegriffen irren, ist auch nicht die Spur eines "Verständnisses" in Sicht. Wenn wir uns auf dem Weg in das daoistische Denken der eigenen Geschichte versichern, dann entspringt dies der einfachen Not, mit einem sinnentleerten Begriffsapparat weder die eigene noch die fremde Kultur begreifen zu können.

 

Die Urbewegung vom Grunde der Grundbegriffe

Die Grundbegriffe sind eingebettet in eine Urbewegung. Diese Urbewegung erst gibt den Begriffen ihren Ort. Wir wollen sie in beiden Kulturen nachvollziehen. Dazu wollen wir uns wie in einer guten Qigong-Übung auf sie einschwingen und sehen, ob sich so etwas wie ein Einklang wahrnehmen läßt. Die Bewegung des ersten Satzes, dem wir nachgedacht haben, ist ein "Sprung" in dem zweifachen Sinn von "Schritt" und "Spaltung": Ein dunkler Urbereich bricht auf und entläßt alles Bekannte ans Licht. Was vor allem andern ans Licht kommt, sind zwei Bereiche, die sich in ihrer Gegensätzlichkeit gleichzeitig von einander absetzen und sich gegenseitig bedingen. Wo ist uns in unserem Kulturkreis die Geburt zweier Bereiche schon einmal begegnet? Ist da ein Einklang oder klingen die beiden Kulturen total atonal?

 

Jüdischer Ursprung

Wir kennen einen ähnlichen Archetyp in der alttestamentlichen Schöpfungsgeschichte. Hier finden wir das Paar zweier Pole, zwischen denen sich der Kosmos entfaltet und die zusammen den Horizont des menschlichen Daseins ergeben: "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde". "Himmel" und "Erde" entstehen auch hier nicht als getrennte Größen wie in Hesiods Theogonie nacheinander, sondern gleichzeitig. Sie gehören also zusammen und sind von einander nicht wegzudenken. Auf der Erde stehen wir, zum Himmel blicken wir. Zusammen darf man sie "Welt" nennen. Was wäre die Erde ohne Himmel, der sie umschließt, was hätte der Himmel ohne Erde für einen Sinn? Juden wie Daoisten stimmen in dem Ergebnis der "Entfaltung" überein. Unterschiedlich dagegen sind die Wege: als "Werden" oder als "Schaffen".

Aber auch in unserem Kulturkreis gibt es ein Verständnis der Bibel, das den persönlichen Gottesbegriff zugunsten eines kosmischen Gottesverständnisses ablegt. Im Umkreis dieses Denkens entstand die Gnosis und die Kabbala. Die Epitheta des kabbalistischen Gottes sind denen des Dao sehr ähnlich: "Groß, der Unendliche, das Gestaltlose, der Urquell, das Endlose, die große Wirklichkeit, das Unerfaßbare, die Wurzel aller Wurzeln, das Nichts (Sohar I, 15a). Die Bewegung des Ursprungs ist bei beiden kein "Machen", sondern ein "Werden" aus dem ungreifbaren, formlosen "Nichts". Es ist auch nie abgeschlossen, sondern ereignet sich fortwährend im steten Sich-Teilen Gottes. Ganz entsprechend heißt es bei dem kabbalistisch geprägten Meister Eckhart: Ich wart einest gevrâget, was der vater tæte in dem himel? Dô sprach ich: er gebirt sînen sun, und daz werk ist im sô lüstlich und gefellet im so wol, daz er niemer anders getuot dan gebern sînen sun, und sie beide blüejent ûz den heiligen geist. " Ich wurde einst gefragt, was denn der Vater im Himmel tut? Da sprach ich: Er gebiert seinen Sohn und diese Tat ist ihm so lustvoll und gefällt ihm so sehr, daß er niemals etwas anderes tun wird als seinen Sohn zu gebären, und die beiden blühen den Heiligen Geist aus." (a.a.O. Predigt Omne datum optimum , Bd. I, S. 72)

Nach diesem Urschritt in die Polarität folgt die weitere Verzweigung in eine schier überschäumende Vielfalt: Die Pole zieht es zueinander. Aus ihrer Vereinigung entsteht weiteres Leben. Es gibt in allen Kulturen Bilder - sowohl sprachliche, wie solche der bildenden Kunst - die die fruchtbare Verbindung zwischen Himmel und Erde zum Ausdruck bringen. Die griechische Mythologie spricht von der Umarmung des Himmels (Uranos) und der Erde (Gaia). Die Propheten des Alten Testaments und die Psalmen besingen den "träufelnden Tropfenfall", der die dürstende Erde befruchtet. Es ist kaum ersichtlich, welches der folgenden zwei Zitate aus dem 73. Psalm und welches aus dem 32. Aphorismus des Daodejing stammt: "Er wird herabfahren wie der Regen auf das Fell, wie träufelnder Tropfenfall über die Erde". "Himmel und Erde vermählten sich, um süßen Tau zu regnen." Aus allen Epochen und Kulturen haben große Meister wie kleine Kinder diese Heilige Hochzeit dargestellt. Das Bild eines neunjährigen Kindes bringt dies in seiner Einfachheit besonders klar zum Ausdruck: (Abb.2) Es besteht aus nur vier Komponenten: aus roter Erde, blauem Himmel, einer gelben Sonne und sieben schwarzen Vögeln. Die Weise ihrer Begegnung sagt etwas weiteres über das Verhältnis von Himmel und Erde aus. Die rote Erde streckt sich in Form von drei Bergen zum Himmel hinauf, der Himmel senkt sich in sie und füllt die Täler, d. h. wo das Streben der Erde nach oben stark ist, gibt der Himmel nach, wo die Erde in Täler zurückweicht, breitet sich der Himmel aus. Der mittlere Berg stützt und trägt das Geschenk des Himmels - die Sonne, die ihre Strahlen auf die Erde verteilt. Schwarze Vögel steigen von der Erde zur Sonne hinauf. Es sind irdische Vögel. Als Vögel sind sie aber auch im Himmel zu Haus. Diese Beheimatung in beiden Bereichen macht sie, wie Prometheus, geeignet, den Ausgleich zwischen Himmel und Erde zu schaffen.

Dieselbe Beschränkung auf Himmel, Erde und Vögel begegnet uns in Van Goghs berühmtem Bild von 1890 (Amsterdam, Stedelijk Museum), wo Krähen über ein leuchtendes Feld ziehen, das in einer stürmischen Durchdringung mit dem schwarzblauen Himmel das Gewitter erwartet. (Abb.1)

Auch Bruegel mochte in seiner "Winterlandschaft" (Wien, Kunsthistorisches Museum) auf das Wissen der Elstern nicht verzichten. In China und im ganzen fernen Osten haben Vögel manche Tuschezeichnung inspiriert. So stiften sie das ständige Spiel, das stets den Ausgleich schafft. Weil es zwischen Himmel und Erde gespielt wird, wird es überall in der Welt gespielt.

Die Polarisierung ist nicht nur produktiv. Die Gegensätze ziehen sich nicht nur an. Sie fliehen und hassen sich zu Zeiten auch: alliu unglîchiu dinc vliehent sich und hazzent sich under einander (Meister Eckhart zitiert Thomas v. Aquin, Summa theologiae I II q. 29 a.1 und Albertus magnus in: Predigt Ein meister sprichet: alliu glîchiu dinc minnent sich under einander , a.a.O. Bd. II, S. 413). Dieses odium naturale kann bis zur gegenseitigen Vernichtung der Pole führen. Nach herkömmlichen Verständnis wäre dies das Ende des kosmischen Spiels. Die Alchymisten denken da weiter. Für sie ist auch die Vernichtung fruchtbar. Sie ist im alchymistischen Prozeß sogar unumgänglich. Durch sie erst wird die Vergeistigung und Veredelung der Materie in Gang gesetzt. Aus der Verwesung entsteht eine schwarzen Brühe. Geist steigt aus ihr auf und wird wieder zu Materie verdichtet. Dieser Vorgang wiederholt sich mehrere Male, bis die reine Frucht der polaren Verbindung - der Stein der Weisen - entstehen kann.

 

Alchymisten in Ost und West

Alchymie war seit je sowohl in Europa wie fernen Osten ein Sinnbild der Vergeistigung des Leibes und der Veredelung des Menschen. Daoisten und christliche Mystiker bedienen sich darum nicht selten eines alchymistischen Vokabulars. Schon in hellenistischer Zeit gab es Beziehungen zwischen chinesischer und europäischer Alchymie (s. Giumlia-Mair und Craddock, Das schwarze Gold der Alchymisten , Corinthium aes , Mainz a.R., 1993). Diese Kunst hat Schmelztiegel wie Mystiker so befruchtet, daß in beiden Erdteilen nicht nur das weiße Gold des Porzellans geboren wurde, sondern ganze Geheimsprachen mit alchymistischem Vokabular entstanden sind. So darf man mit gutem Recht sagen, daß die Alchymie ihren Teil zur Synthese weit entfernter Kulturen beigetragen hat. Das Urereignis - gleich ob daoistisch oder christlich - läßt nicht nur das polare Paar "Himmel" und "Erde", in dessen Spannungsfeld sich "Welt" ereignet, entstehen, sondern offenbart auch das Bauprinzip, das jedem Ding zu Grunde liegt: "Es gibt auf der Welt nichts, was nicht zu einem anderen in einem Wechselverhältnis stünde ... Darum sage ich, das eine geht aus dem anderen hervor, das eine wird durch das andere bedingt." (Tschuang-Tse, Im Lichte der Ewigkeit, in: Dichtung und Weisheit, Übersetzung von Hans O.H. Stange, Frankfurt 1993, sechste Auflage).

"Polarität ist die Bewegung des Dao.
Empfänglichkeit ist die Art, es zu gebrauchen.
Die Welt und alle Dinge gingen hervor aus seinem Sein.
Sein Sein ging hervor aus dem Nichtsein."

(Daodejing, 40. Aphorismus )

Dies hatten wir im Sinn, als wir über den Namen unserer neuen Zeitschrift nachdachten und sie Tiandi: "Himmel-Erde" nennen wollten.

 

Die dritte Kraft

Eines fehlte aber noch: der Mensch, der durch seinen Geist eine Sonderstellung in der Welt hat. Darum fügten wir die dritte Komponente des Namens hinzu: ren - der "Mensch". Er ist das einzige Wesen, das fähig ist, das kosmische Geschehen in jedem Augenblick aufs neue in aller Klarheit zu vollziehen. Dadurch unterscheidet sich der Mensch von Himmel und Erde und von allen Geschöpfen ihrer Ehe. Diese Sonderstellung ehrt ihn. Sie bedeutet für ihn eine große Verantwortung, birgt aber auch in sich die Gefahr der Überhebung, als Herr der Welt sich die Erde untertan zu machen.

 

Einklang mit dem Dao

Die "chinesische Weisheit" zeichnet sich aber gerade dadurch aus, daß die besondere Gabe des Menschen nicht zu seiner Absonderung führen soll, sondern dazu, daß er sich in den Strom der Welt und der Natur einschwingt, durch die Vielfalt der Dinge hindurch zu ihrem einfachen Ursprung findet, die innere Ordnung begreift, im Einklang mit ihr handelt und anderen dies vermittelt.

 

"Erreiche das höchste Offensein;
Bewahre den tiefsten Einklang.
Werde Teil von allen Dingen..."

(Daodejing, 16. Aphorismus)

"Kenne das Männliche,
Wahre das Weibliche,
Werde zum Strom der Welt.
Bist Du der Strom der Welt
Entflieht die Kraft niemals,
Rückkehr zum Kindsein ist dies."

Kenne das Helle,
Wahre das Dunkle;
Werde zum Leitbild der Welt.
Wirst Du zum Leitbild der Welt
Schwindet die Kraft niemals.
Rückkehr zum Unbegrenzten ist dies.

(28. Aphorismus des Daodejing)

Durch den Einklang mit der Welt bekommt der Mensch Kraft - und wird zu seinen eigenen Wurzeln, wie zu den Wurzeln der Welt und des Seins, dem Dao, geführt.

Er kehrt zum Ursprung zurück: nach Haus.

 

Einheit mit dem "Vater"

Den Einklang mit dem All und die Rückkehr zum Ursprung kennen wir auch aus dem Christentum. In diesem Sinn ist auch das Bild des "Kindseins" zu verstehen. "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen" (Mt. 18,3). Ist man nicht offen und unverbildet wie Kinder, kann man nie erleuchtet werden. Es ist die Hauptbotschaft Christi, stets den Ursprung, den er "Vater" oder "Gott" nennt, zu offenbaren. Um dies zu tun, muß man leer werden, sich von sich selbst, seinen eigenen Neigungen und seinem eigenen Willen befreien. Christus lebt es vor: "Ich bin ... gekommen, nicht daß ich meinen Willen tue, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat (Joh. 6,38). Er redet die Wahrheit, die er von Gott gehört hat (Joh. 9,40), offenbart und wirkt seine Werke ("Ich muß wirken die Werke des, der mich gesandt hat", Joh. 9,4). Er ist das "Licht der Welt", indem er das Licht des Vaters offenbart. Er und der Vater sind eins (Joh. 10,30).

Der Ausdruck "Vater" hat hier nichts mit dem Postulat eines Patriarchats zu tun. Es ist eine Chiffre für das Unsagbare und Unfaßbare, das die Chinesen "Dao" nennen. Es schickt sich in die Welt, verteilt sich an sie und ruft zur Rückkehr. Dieser Ruf gilt nur dem Menschen, seinem Geist. Im Wort "Vater" lockt die geistige Heimat. Er ist der Ursprung, der vor jedem leiblichen Beginn steht. Der leibliche Schoß wird durch die "Mutter" repräsentiert.

Es ist die Aufgabe des Menschen, den Ruf zu vernehmen und sein "So-sein" ins "Da-sein" zu verwandeln. Dies tut er, indem er sich dem Fluß des Seins zur Verfügung stellt und bezeugt, wie es sich in ihm ereignet. Dieses Wahrnehmen des Ur-Stroms in ihm selbst wie in anderen Dingen ist die Heimkehr zum Vater, oder Rückkehr zur Quelle, zur Einheit. In der Kabbala spricht man von der Rückkehr der göttlichen Weisheit (Schechina) aus dem Exil. Zur Quelle zurückzukehren ist nach dem zeitgenössischen daoistischen Meister Ma Heyang die "Verwirklichung des Wegs", d.h. die Verwirklichung des Dao (Die Drei Schätze des Dao, Basistexte der inneren Alchymie, Hrsg. T. Cleary, Frankfurt 96, S.311).

Von Christus ist der Satz überliefert: "Ich bin der Weg". Ähnlich wie der Autor des Daodejing, dessen sämtliche Aphorismen in der Tat Belehrungen für andere sind, spürt auch Christus den Auftrag, diese seine Erfahrung an andere zu vermitteln: "Ich bin gekommen in die Welt ein Licht, auf daß, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe" (Joh.12,46).

 

Suche oder Flucht?

Was suchen wir denn im Fernen Osten, wenn wir dasselbe Gut zu Hause haben?

Vielen Menschen gelingt es nicht, durch Dogmen zu Christus vorzudringen. Christus hat den Weg zu sich auch nicht besonders klar angegeben; im Gegenteil gaben seine paradoxen Reden, in denen er vom Körper und von der Erde oft in negativem Sinne redete, stets genügend Anlaß zu Mißverständnissen. Er hat kaum eine Anleitung gegeben, wie die "Einheit mit dem Vater" zu erreichen ist. Er hat nicht einmal versucht, zu erklären, wer der "Vater" sei.

Er erklärt nicht seine kosmische Heimat, nicht die zwei Naturen des Menschen und nicht die lichte Herkunft einer jeden Materie, die verschiedenen Zeitlichkeiten, denen Körper und Geist angehören und nicht die Gegenwart, die der Einheit von Körper und Geist vorbehalten ist, sondern er lebt, wie ein Daoist, all dieses und macht es auf diese Weise sichtbar. Er spielt mit den verschiedenen Verständnissen des Seins, provoziert und stiftet Verwirrung. Als die Leute glauben, seinen Vater zu kennen und fragen, ob das nicht Josefs Sohn sei, sagt Christus: "Ihr kennet weder mich noch meinen Vater; wenn ihr mich kenntet, so kenntet ihr auch meinen Vater." (Joh. 8,19) "Ihr seid von unten her, ich bin von oben her, ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt. (Joh.8). Auf die Frage, wer er denn sei, stellt er nicht die Problematik klar dar und erzählt nicht von der Dualität des Menschen und dem neuen Auftrag, den er verspürt, mit seinem durchgeistigen Körper in Resonanz mit dem Ursprung zu geraten. Statt dessen antwortet er: "Erstlich bin ich der, der mit Euch redet. Ich habe viel von euch zu reden und zu richten; aber der mich gesandt hat, ist wahrhaftig, und was ich von ihm gehört habe, das rede ich vor der Welt. Sie verstanden aber nicht, daß er ihnen von dem Vater sagte." (Joh. 8,25-27) Sätze wie "Ich bin das Brot" oder "das Licht der Welt", sind provokative Demonstrationen der durchgeistigten Materie.

Dieser dialektische Dualismus, dessen überzeugendste Frucht der leiblich-geistige Gott-Mensch Christus ist, wurde bald verengt. Die herrliche Harmonie von Himmel und Erde, die Christus ausgestrahlt hat, ist zerfallen. Bald erhob sich der Geist über den Körper, knechtete und verachtete ihn. Die mittelalterlichen Heiligen, die ihre Körper quälten, haben nicht nur die Stärke des Geistes, sondern den Zerfall der Einheit demonstriert. Der reine Geist wurde in Europa stets gepflegt. Das Problem der zerfallenen Einheit wurde absurderweise v.a. von den Philosophen (v.a. Hegel) thematisiert. Dieses Thematisieren geschah aber bezeichnender Weise in Worten. Es war eben eine geistige Pflege der Einheit des vergeistigten Leibes.

 

"Geist" und "Materie" in Europa

Ähnlich einseitig wie die Pflege des Geistes durch Religion und durch Philosophie geschah in Europa auch die Pflege der greifbar vorhandenen Wirklichkeit durch die Wissenschaft.

Diese Spaltung in Geist und geistlose Materie kennzeichnet unser Leben. In Fitnessstudios wird der Körper gepflegt, der in Schönheitswettbewerben die entsprechenden Punkte gewinnt. In der Schule, wie an der Universitet wird das geistige Erbe gelehrt.

Ein wahrer Daoist philosophiert nicht. Philosophie ist eine einseitige Aktivität (des Geistes). "Diese Philosophie der Worte, dieser Nutzen ohne Handeln" (Daodejing, 43. Aphorismus). "Dao" wird gelebt. Dieses Leben führt zum Ursprung. "Dies kann nur durch die Leere verwirklicht werden und es kann nur durch die Leere bewahrt werden" (Gu Yangzu, in: Die Drei Schätze des Dao, s.o., S.309). Meister Eckharts Wort für "Leere" ist abegescheidenheit . Sie zeichnet nicht nur den Weisen, sondern den Menschen überhaupt aus: Ein vernünftiger mentsch ist, der sich selber vernünfteklichen verstat vnd in im selber abegeschaiden ist von allen materien vnd formen. ie me er abegeschaiden ist von allen dingen vnd in sich selber gekeret, ie me er allu ding clarlich vnd vernunfteklich bekennet in im selber sunder uskeren: ie me es ain mentsch ist. " Ein vernunftbegabter Mensch ist der, der sich selbst mit der Vernunft begreift und in sich selbst losgelöst ist von allen Stoffen und Formen. Je mehr er losgelöst ist von allen Dingen und in sich selbst gekehrt, je mehr er alle Dinge klar mit seiner Vernunft in sich selbst erkennt, ohne Hinwendung nach außen, umso mehr ist er ein 'Mensch'". (Predigt Homo qidam nobilis , a.a.O. Bd.I, S. 250. Der heutige Vernunftbegriff, wie er auch in Prof. Lin’s Aufsatz verwendet wird, meint meist die Ratio im Gegensatz zur irrationalen Welt der Gefühle. Er unterscheidet sich wesentlich von dem ursprünglichen Vernunftbegriff. Vernumft , häufiger vernunst , kommt von "vernehmen", drückt also eine besondere Offenheit und Empfänglichkeit gegenüber dem göttlichen Geist aus. Im Mittelhochdeutschen bedeutet vernunst meist "Einsicht", steht also der "Weisheit" wesentlich näher als dem kalten Intellekt, siehe dazu Grimm, Deutsches Wörterbuch, s.u. Vernunft ).

 

Östliche Übungstradition

Was uns v.a. fehlt, ist eine Tradition, den vergeistigten Leib zu pflegen, der frei von Selbstsucht dem großen Fluß offen gegenübersteht. Dies bietet uns der ferne Osten an.

Seit Jahrtausenden wird in China ununterbrochen Qigong praktiziert. Viele chinesische Daoisten betrachten Qigong nur als ein Hilfsmittel, mit dem man einen Schritt auf dem Weg, nie jedoch die Einheit selbst erreichen kann. Das ist es sicher auch, wenn es dem Menschen nicht gelingt, die Übungserfahrung in seinen Alltag hineinzutragen. Qigong mündet, wie Rilkes Gedicht "Archaischer Torso Apollos", in den Auftrag: "Du mußt Dein Leben ändern".

 

Volle Anwesenheit

In den einfachen meditativen Übungen des Qigong wird der Mensch zu sich selbst geführt. Die schmerzhafte Zerstückelung, die er im Alltag erfährt, wo verschiedene Teile von ihm verschieden genützt werden, wird aufgehoben und der Mensch fügt sich langsam zu seiner Ganzheit zusammen. Körper, Geist und Seele führen im Einklang dieselben Bewegungen aus. Sie alle sind gleich anwesend und werden zu einem beseelten und durchgeistigten Körper zusammengeführt. In voller Anwesenheit führt er Bewegungen aus, die der Natur entnommen sind. Er öffnet sich wie die Lotusblüte, die die Sonnenstrahlen spürt, steht fest verwurzelt wie die Kiefer, deren Äste in den Himmel ragen und verspürt dabei Kräfte, die die Natur durchwalten. Je mehr er sich selbst vergißt und alles sein läßt, desto mehr kann sich die Leere ausbreiten, in der sich die Fülle ereignen kann. "Das Tao ist ganz ohne Tun und ist doch niemals tatenlos. ... Namenlose Einfachheit ist ohne Begehren; und ohne Begehren herrscht Einklang. Die Welt kommt dann auf natürliche Weise ins Lot". (Daodejing, 37. Aphorismus).

 

Leere und Gott bei Meister Eckhart

Meister Eckhart, der große Lehrer der Leere, hat sich weit vorgewagt in jenen Bereich, wo noch keine Unterscheidung hineinlugt zwischen Schöpfer und Geschöpf, ja nicht einmal die Unterscheidung dreier Personen des dreieinigen Gottes. Er spricht von einem "Fünklein in der Seele, das Gott so verwandt ist, daß es ganz eins mit ihm ist, ohne Unterschied", diz vünkelîn ist gote alsô sippe, daz ez ist ein einic ein ungescheiden (Pred. Ave gratia plena, Bd.I, S. 380). Dieses ungeschaffene und unerschaffbare Licht nimmt Gott unmittelbar und unverborgen und entblößt auf, so wie er in sich selbst ist; und zwar ist das ein Aufnehmen im Vollzuge der Eingebärung, diz selbe lieht nimet got sunder mittel und sunder decke und blôz als er in im selben ist; daz ist ze nemenne in der würklicheit der îngeberunge . Diesem Licht genügt nicht der Einblick in das schlichte, stillstehende göttliche Sein, das weder gibt noch nimmt: es will vielmehr wissen, woher dieses Sein kommt. Es will in den einfachen Grund, in die stille Wüste, in die nie Unterschiedenheit hineinlugte, weder Vater noch Sohn noch Heiliger Geist; in dem Innersten, wo niemand daheim ist, dort erst genügt es jenem Licht, und darin ist es inniger, als es in sich selbst ist; denn dieser Grund ist eine schlichte Stille, die in sich selbst unbeweglich ist; von dieser Unbeweglichkeit aber werden alle Dinge bewegt und werden alle diejenigen Leben empfangen, die vernunfterhellt in sich selbst leben. (disem liehte engenüeget niht) an dem einvaltigen stillestânden götlîchen wesene, daz weder gibet noch nimet, mêr: ez wil wizzen, von wannen diz wesen her kome; ez wil in den einfaltigen grunt, in die stillen wüeste, dâ nie underscheit înluogete weder vater noch sun noch heiliger geist; in dem innigesten, dâ nieman heime ist, dâ genüeget ez jenem liehte, und dâ ist ez inniger, dan ez in im selben sî; wan dirre grunt ist ein einvaltic stille, diu in ir selben unbewegelich ist, und von dirre unbewegelicheit werdent beweget alliu dinc und werdent enpfangen alliu leben, diu vernünfticlîche lebende in in selben sint (a.a.O. Bd. II, S. 418-420). Ob wir zu diesem Grund "ewige Gottheit" oder "Dao" sagen, das scheint nur ein Spiel der Worte. Die Urbewegung von "Entfaltung" und "Einkehr" bleibt dieselbe.

So hoffen wir, daß auch wir, indem wir Qigong leben, dazu beitragen, daß "die Welt auf natürliche Weise ins Lot kommt". Vielleicht erfahren wir dadurch auch etwas mehr von den gemeinsamen Wurzeln des Ostens und Westens. Alle stehen wir doch auf der Erde und sehen, wie sich der Himmel über uns wölbt.

"Es war, als hätt’´der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt.
Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus."

(Joseph Freiherr von Eichendorf, Die Mondnacht)

 

(Dank schulde ich Herrn Bernhard Urbach, Stralsund und meinem Mann für die Gespräche über die gesamte Problematik dieses Artikels und die besonderen Übersetzungsschwierigkeiten aus dem Chinesischen, Herrn Urbach auch noch für die Beschaffung der verschiedenen Übersetzungen).