10.01.1997

Prof. Lin zu: Ursprünglicher Geist - Erworbener Geist

Im Verständnis von Geist und Bewußtsein gibt es einen grundlegenden Unterschied von westlichem und östlichem Denken. Bewußtsein wird im Westen nicht so differenziert betrachtet. Man redet zwar von Normalbewußtsein, Über und Unterbewußtsein, meint aber damit doch ein Ganzes. In China unterscheidet man von vornherein zwischen dem "ursprünglichen Bewußtsein/Geist", das von den Eltern ererbt ist und dem "erworbenen Bewußtsein/Geist", der das beinhaltet, was man im Laufe seines Lebens gelernt hat. Diese Zweiheit ist charakteristisch für das chinesische Denken.
Der bewußte Geist hängt direkt damit zusammen, womit man im Verlauf seines Lebens konfrontiert wird oder sich konfrontiert. Man ist von klein auf bis zum erwachsen werden andauernd mit der Aufnahme und der Verarbeitung von Informationen beschäftigt. Dort gibt es natürlich große Unterschiede zwischen den Menschen. Der eine ist dumm und lernt nie was und der andere ist gescheiter, geht auf die Universität, lernt ein bißchen mehr und hat dementsprechend mehr bewußten Geist oder ein reichhaltigeres erworbenes Bewußtsein als der Erste.
Der "ursprüngliche Geist" hängt direkt mit der Erbinformation zusammen und hat einen sehr starken Einfluß auf den Körper. Man kann ihn als eine Kontrollinstanz des Körpers sehen. Ein Beispiel dafür ist die Blutdruckregulation. Man weiß inzwischen, daß es über 900 verschiedene Faktoren gibt, die den Blutdruck beeinflussen können (z.B. Wohnort, kosmische Strahlung, Umwelteinflüsse, Lebensgewohnheiten, Eßgewohnheiten u.a.). Normalerweise bleibt der Blutdruck aber stabil und das verdanken wir dem urprünglichen Geist. Man kann ihn mit einem hochentwickelten ComputerProgramm vergleichen, das zu jeder Zeit alle diese Informationen aufnehmen kann und dafür sorgt, daß der Blutdruck stabil bleibt und sich nicht mit den wechselnden Einflüssen verändert.
Die Regulation findet natürlich noch für eine Vielzahl anderer Parameter statt, die normalerweise gleichzeitig in einem geordneten Ganzen funktionieren. Allein schon die Tatsache, daß man als Mensch auf die Welt kommt und nicht als Hund oder als Katze, hat mit diesem ursprünglichen Geist zu tun.
Die Chinesen interessiert in Bezug auf das ursprüngliche Bewußtsein, auf diesen ursprünglichen Geist am meisten, daß er auch die Dauer des menschlichen Lebens kontrolliert. Wie lang der Mensch wirklich leben könnte, ist nicht so genau festzulegen. Es gibt da die verschiedensten Theorien. Eine davon, die vielleicht zu den Ausgereifteren gehört, versucht die Dauer des menschlichen Lebens vom Zustand der Zellen abhängig zu machen. Im allgemeinen teilt sich eine menschliche Zelle alle zweieinhalb Jahre und kann das höchstens 50 mal. Wenn man davon ausgeht, daß alle zweieinhalb Jahre und höchsten 50 mal eine Zellteilung erfolgt, hieße das, daß das menschliche Alter zwischen 125 und 150 Jahren betragen könnte.
Ob das stimmt, ist hier nicht so wichtig. Wichtig ist, daß eine Beziehung zwischen dem zu erreichenden Alter und dem ursprünglichen Bewußtsein besteht, daß dieses es dem Menschen ermöglichen kann, die volle Länge seines Lebens zu leben. Davon sind die Menschen jedoch weit entfernt. Die ältesten Menschen leben z.Z. in Japan, dort ist das Durchschnittsalter der Frauen 81,4 Jahre, bei den Männern sind es ca. 76 Jahre. In Europa ist das Durchschnittsalter nicht ganz so hoch.
Das chinesische Denken hat sich immer damit beschäftigt, wie es dazu kommt, daß Menschen nicht die volle Zahl ihrer Jahre ausleben können und unterscheidet generell zwischen Einflüssen von außen und Einflüssen von innen. Die Einflüsse von außen sind z.B. Krieg, Krankheiten wie Pest, Unfälle, Mord u.ä.. Die können gravierend verkürzend auf das menschliche Leben einwirken. Im allgemeinen sind diese Gefahren allerdings in der zivilisierten Welt nicht so groß. Und trotzdem leben die Menschen nur ca. 70, 80 Jahre lang, werden also aufgrund der besseren äußeren Bedingungen nicht älter als anderswo.
Die Ursache dafür sucht das chinesische Denken im Bereich des erworbenen Bewußtseins. Das soll nicht heißen, daß der bewußte Geist verteufelt wird. Er ist eine große Errungenschaft des Menschen der die ganze schöpferische Arbeit macht. Deutschland ist ein bekanntes Beispiel für die große Tüchtigkeit des erworbenen Bewußtseins. Viele berühmte Menschen kommen aus Deutschland, ob in der Philosophie z.B. Hegel oder Kant, ob Einstein aus Ulm, oder (Prof. Lin ist Chemiker) eine ganze Reihe hervorragender Wissenschaftler im Bereich der Chemie. Nur ist ein entwickeltes erworbenes Bewußtsein nicht nur positiv. Die Probleme, die daraus entstehen, werden traditionell in China als die 7 Emotionen geschildert. Diese sind Freude, Zorn, Trauer, Grübeln, Furcht, Schrecken und Sorgen. Sie stören die Funktion und die Entfaltung des ursprünglichen Bewußtseins.
Bei manchen ist das gleich deutlich. Wenn man sich dauernd ärgert, zornig und wütend ist, ist das nicht so gesund; auch nicht wenn man dauernd in Furcht und Schrecken lebt, wenn man sich dauernd um etwas sorgt und grübelt. Aber uns ist vielleicht etwas weniger verständlich, warum es heißt, Freude ist eine schädliche Emotion. Man kann das aber an einer wahren chinesischen Geschichte verdeutlichen. Es geht um zwei Menschen, Vater und Sohn. Der Vater war ein sehr berühmter Mann in China, der über 90 Jahre alt geworden ist, und eines Tages hat er sich aus irgendeinem Grund so gefreut, daß er einen Herzinfarkt bekommen hat und tot umgefallen ist. Seinen Sohn hat das betrübt, und er hat fürchterlich zu weinen begonnen, hat sehr viel getrauert und ist auch tot umgefallen. Und seitdem sind diese beiden Menschen sprichwörtlich. Man sagt, wenn man sich zu sehr freut, dann wird man wie der Vater, und wenn man zu sehr weint, dann wird man wie der Sohn, also in beiden Fällen eine Leiche.
Ein weiteres Beispiel ist kürzlich in Hongkong geschehen, wo in einer Art LottoSpiel sehr hohe Gewinne erzielt werden können. Eine arme Frau, die eigentlich nie mit Wettspielen zu tun hatte, hat sich eines Tages aus einer Laune heraus entschlossen, ein Los zu kaufen. Sie hat sich die Hälfte des Geldes vom Nachbarn ausgeborgt, hat das Los gekauft und wider Erwarten einen hohen Jackpot gewonnen. Der Nachbar hat ihr diese Nachricht als erster zugetragen, sie wollte gerade den Mund aufmachen, um vor Freude zu lachen und ist schon tot umgefallen. Das sind also Zeichen dafür, daß man sich vorsichtig freuen sollte.
Konfuzius versuchte deshalb schon mit seinem Werk "Maß und Mitte", diesem Übermaß an Emotionen entgegenzuwirken. Emotionen sind ja richtige Wellenbewegungen: wenn man sich sehr freut, dann ist man oben, wenn man sehr betrübt ist, ist man unten. Die Chinesen sagen, man soll sich ein bißchen freuen und ein bißchen betrübt sein aber schauen, daß man in der Mitte bleibt und nicht von dieser großen Welle mitgerissen wird.
Gerade in den entwickelten Ländern, den technologischen Gesellschaften entstehen aufgrund der mangelhaften inneren Umgebung die verschiedensten Krankheiten. In Japan gibt es in letzter Zeit eine Krankheit, die man "Tod durch Erschöpfung" nennt. Die Menschen sind vielleicht fünfzig Jahre alt, sitzen im Büro, schreiben dort ihre Berichte oder sonst was und sterben einfach so. Wenn man sie dann untersucht, stellt man keinen Herzinfarkt fest oder irgendeine erkennbare Krankheit. Man weiß nicht, worauf das zurückzuführen ist. Im chinesischen Verständnis kommt das daher, daß das innere Umfeld des Menschen überhaupt nicht mehr stimmt und dadurch der Tod eintritt.
Eine entwickelte Gesellschaft ist in diesem Zusammenhang nicht hilfreich. Im Gegenteil wird sie mehr und mehr solche körperlichen Probleme hervorbringen, weil es hier nicht um Materielles geht sondern um eine seelische und geistige Verfassung. Man sieht das ja auch in anderem Zusammenhang: die Selbstmordrate ist nicht in den Ländern am größten, wo Hungersnöte herrschen: z.B. bringen sich in Somalia weniger Leute um als in der Schweiz oder in Japan oder in anderen entwickelten Ländern. Dort, wo das Essen ein Problem ist, ist das Denken sehr einfach. Dort wo aber Essen, Wohnen, Nahrung keine Probleme mehr darstellen, dort stellen sich erst die inneren Probleme. Dort ist es erst wichtig, sich darum zu kümmern, was für eine seelische und geistige Verfassung der Mensch hat.
Dabei geht es darum, daß er Geist und Körper in Einklang bringt. Geist und Körper in Einklang zu bringen, heißt in erster Linie, das Verhältnis von ursprünglichem Bewußtsein/Geist und erworbenem Bewußtsein/Geist in Ordnung zu bringen.