
Wer sind wir?
Die DEUTSCHE QIGONG GESELLSCHAFT e.V.
Lehrer Tian Baozhu vor dem
Wudaoguan in Beijing
„Kommen Sie erst mal mit", empfängt mich Lehrer Tian herzlich. „Ich muss Ihnen unseren kleinen daoistischen Garten zeigen". Er deutet auf den Platz mit den Steinstelen vor dem Gebäude. "Hier die Schwarze Schildkröte, dort der Rote Vogel und der Grüne Drache, hier müsste der Weiße Tiger stehen. Die Stelen dürften um die 600 Jahre alt sein und stehen für die vier Himmelsrichtungen. Da, sehen Sie, die Decke ist rund und symbolisiert den Himmel, der Boden ist ein Viereck, der für die Erde steht“. Lehrer Tian ist Ausbilder am Wudaoguan-Tempel, ein kleiner Ableger des großen Wudangshan-Klosterareals, das in China für Daoismus und innere Kampfkünste steht. Wir sind jedoch nicht in einer Berg- und Klosterlandschaft, wir sind mitten in Beijing, der Wudaoguan liegt nicht weit vom Kaiserpalast entfernt.
Noch vor 20 oder 30 Jahren wäre das unmöglich gewesen. Dieser kleine, unscheinbare daoistische Tempel direkt im Zentrum der chinesischen Hauptstadt ist ein Symbol dafür, dass die traditionelle Kultur - und damit auch Taijiquan und Qigong - mittlerweile ein hohes Ansehen hat. Das war nicht immer so. Der Umgang mit der eigenen Tradition war in den vergangenen 100 Jahren extrem wechselhaft. Phasen der Öffnung und Wertschätzung wechselten sich mit Phasen heftiger Bekämpfung und Zerstörung ab.
Anfang des 20. Jahrhunderts durchläuft China eine Zeit ganz großer Veränderungen: westliche Mächte und Japan bedrohen die Existenz des Landes, der Kaiser tritt ab, das traditionelle Bildungssystem wird abgeschafft, die alte Gesellschaftsstruktur zerfällt und die Industrialisierung westlichen Stils setzt ein.
Unter chinesischen Politikern und Intellektuellen beginnt in dieser Zeit eine Diskussion über Identität: Was machen wir mit unserer alten chinesischen Zivilisation? Müssen wir alles Alte und Traditionelle zerstören und von Grund auf erneuern? Oder sollen wir einzelne „positive Elemente“ auf heute übertragen und nur die „negativen“ bekämpfen? Schwächen chinesische traditionelle Werte unser Land oder stärken sie es? Können wir „im Herzen“ Chinesen bleiben und gleichzeitig westliche Technik anwenden?
Durch das gesamte letzte Jahrhundert lassen sich die Spuren dieser Diskussionen verfolgen, schwingt das Pendel mal in die zerstörerische, mal in die wertschätzende Richtung. Und die traditionellen Künste, die chinesische Medizin, Taijiquan, Qigong und die Religion stehen genau mitten drin.
In den 50 er Jahren des 20. Jahrhunderts - mittlerweile hat Mao Zedong die Volksrepublik China auf dem Platz des Himmlischen Friedens ausgerufen - entdeckt man traditionelle Yangsheng-Übungen für medizinische Anwendungen wieder, obwohl die neue Regierung eine generell ablehnende Haltung gegenüber der alten, „feudalistischen“ Tradition Chinas einnimmt. Angesichts der großen vor allem ländlichen Bevölkerung und der begrenzten Mittel der Nachkriegszeit versprechen sich die offiziellen Stellen von der chinesischen Medizin und ihren Anwendungen jedoch ein effizientes, leicht erlernbares System zur Gesundheitspflege. Sie soll in Kombination mit westlicher Medizin wissenschaftlich überprüfbar und nachvollziehbar werden. Bei aller Kritik am alten China schwingt das Pendel in Richtung „positive Elemente der Vergangenheit auf heute übertragen“.
Einer der bekanntesten Vertreter dieser Zeit dürfte Liu Guizhen sein, ein Angestellter der Kommunistischen Partei, der sich mithilfe des Neiyanggong von Tuberkulose, Magengeschwüren und anderen Leiden heilt. Er macht den Begriff „Qigong“ bekannt, entwickelt eigene Formen, macht neuartige Testreihen, und gründet zwei Qigong-Institute, eines in Tangshan, ein weiteres in Beidaihe. Letzteres wird heute von seiner Tochter Liu Yafei weitergeführt.
In der Kulturrevolution ist radikal Schluss damit. Qigong gehört zum kulturellen Erbe und wird zusammen mit anderen traditionellen Künsten als „feudalistisch“, „konterrevolutionär“ und „rückständig“ bekämpft. Nicht wenig Qigong-Meister fallen der Verfolgung zum Opfer oder praktizieren nur noch im Verborgenen. Das Pendel schlägt extrem in Richtung „alles Alte zerstören und radikal erneuern“ aus.
Auch Wudangshan leidet sehr stark unter den Zerstörungen dieser Zeit. Die Daoisten haben schon in den fünfziger Jahren diverse Kampagnen über sich ergehen lassen, die Kulturrevolution steigert die Verfolgung ins Extrem. Mitte der 70 er Jahre leben in den Wudang-Bergen laut Wang Guangde, damals Abt in Wudangshan, gerade mal noch zwanzig, hochbetagte Daoisten.
Die 1978 eingeleitete Öffnungspolitik des Staatspräsidenten Deng Xiaoping bringt den Wandel. Nicht nur die Wirtschaft blüht auf, auch die Haltung zur eigenen Tradition und Religion sowie zu historischen Kulturgütern wird völlig neu definiert. In Wudangshan werden die Tempelanlagen aus dem 17. Jahr-hundert renoviert, wenige Jahre später öffnen sie bereits ihre Tore. Der Unterricht beginnt wieder, junge Schüler werden aufgenommen, alte Lehrer zurückgeholt, neue Verbände gegründet. Die pragmatische Haltung der Deng Xiaoping-Zeit unterstützt den Wiederaufbau: „Die Weltsicht des Kommunismus und des Daoismus unterscheiden sich grundlegend voneinander“, schreibt der damalige Wudangshan-Abt Wang Guangde, „aber die Anhänger des Daoismus und Menschen aller Schichten einigt das gemeinsame Ziel, das Land zu stärken, die Bevölkerung wohlhabender zu machen und das eigene Land wertzuschätzen.“
Während sich Wudangshan allmählich von der Kulturrevolution erholt und neue Wege geht, schwappt in den 90 er Jahren eine neuartige „Qigong-Welle“ über das Land, die große Teile der Bevölkerung erfasst, auch Mitglieder der Kommunistischen Partei. Landesweit bilden sich riesige Qigong-Gruppen, die nicht nur in öffentlichen Parks und Plätzen üben, sondern auch in großen Sportstadien und Arenen. Alte Formen werden erforscht, teilweise abgewandelt und neu zusammengestellt. Einige Meister versammeln mehrere Tausend, ja bis zu Millionen Anhänger um sich. Diese Entwicklung - gemeinhin „Qigong-Fieber“ genannt - verläuft außerhalb staatlicher Institutionen, auch wenn sie anfangs durchaus offizielle Unterstützung erfährt.
In dieser Situation schlägt das Pendel in die Gegenrichtung aus, das Üben von Qigong auf öffentlichen Plätzen wird untersagt, auch wird die einschlägige Forschung an den Universitäten eingestellt. Qigong aber wird nicht wie in der Kulturrevolution in der Gesamtheit bekämpft oder in Frage gestellt, auch wenn einige Praktiken und Ansichten als "abergläubisch" und "unwissenschaftlich" bekämpft werden.
Die Verfolgungen und Kampagnen Ende der 90 er Jahre hinterlassen ein gewisses Gefühl der Skepsis bei der Bevölkerung. Qigong verschwindet weitgehend aus den Medien und aus der öffentlichen Wahrnehmung. Selbst heute noch, mehr als 15 Jahre danach, sieht man in Beijing nicht sehr viele Menschen öffentlich Qigong oder Taijiquan üben. Die jungen Menschen interessieren sich mehr für Yoga, Joggen oder Kraftsport. Fußball oder Skifahren sind die neuen Trendsportarten. Ältere tanzen gern zu flotter Musik oder singen im Chor.
Aber trotzdem lebt Qigong nach einer kurzen Unterbrechung weiter, dieses Mal innerhalb staatlicher Strukturen und mit striktem Fokus auf Medizin, Sport und Prävention. Das staatliche Zentrum für Gesundheits-Qigong entwickelt auf „wissenschaftlicher Basis“ vier offizielle Gesundheits-Qigong-Formen: Acht Brokate, Spiel der fünf Tiere, Übungen zur Stärkung von Sehnen und Muskeln und die Sechs heilenden Laute. Die alten Formen werden historisch gut aufgearbeitet und dokumentiert, Zusammen-hänge zwischen Qigong und chinesischer Medizin werden ausführlich behandelt (zumindest in der chinesischen Publikation, die deutsche Übersetzung lässt leider sehr zu wünschen übrig). Mittlerweile sind weitere standardisierte Qigong-Formen dazugekommen.
Diese Formen sowie das vereinfachte Yang-Taijiquan werden an öffentlichen Universitäten wie der Peking Sportuniversität, der Peking Universität, der medizinischen Universität und einer Reihe anderer staatlicher Institute unterrichtet. Die Lehrer - zumindest die, die ich kennenlernen durfte - sind gut ausgebildet, betreiben Qigong seit vielen Jahren und haben Erfahrung im Unterrichten. Darüber hinaus gibt es in Beijing eine Anzahl von privaten Schulen, die Yang-, Chen-, Wu-Stil und andere alte Familientraditionen fortsetzen.
Es ist um Qigong und Taijiquan heute etwas ruhiger geworden. Es gibt keine Massenveranstaltungen mehr, und als „reaktionär“ oder „abergläubisch“ wird man auch nicht mehr betrachtet, wenn man im Park „wie ein Pfahl steht“. Der Umgang mit der Tradition ist entspannter geworden. Geschichtliche Ereignisse, historische Gebäude, Kunstwerke und eine Reihe von traditionellen Werten werden heutzutage eher als Quelle des Nationalstolzes propagiert als dass sie als „feudalistische Überbleibsel“ bekämpft werden.
Und noch eine traditionelle Richtung hat sich in den letzten Jahren weiter entwickelt: die daoistische Tradition der inneren Kampfkünste von Wudangshan.
Als ich vor zwei Jahren nach Beijing kam, habe ich mich lange umgeschaut, bis ich eine passende Schule für Qigong und Taijiquan gefunden habe. Schließlich habe ich mich für Wudangshan und den kleinen Wudaoguan-Tempel entschieden. Warum eigentlich Wudangshan?
Vielleicht weil Wudang eine gewachsene Kampfkunst und Yangsheng-Tradition hat, weil die Lehrer dort sehr großen Wert auf eine gute Basis legen, weil sie selbst leben, was sie unterrichten, weil das Training sehr offen und sehr gewissenhaft durchgeführt wird, und vor allem weil in Wudang noch eine Einheit ist, was sowohl im Westen als auch im heutigen China voneinander getrennt wird: Yangsheng (den Begriff Qigong verwenden sie nicht), Stilles Sitzen, Taijiquan und andere innere Kampfkünste, chinesische Medizin, Selbstkultivierung, Kunst, Daoismus sowie chinesische Weltanschauung.
Xiwu, einer der Lehrer am Wudaoguan, betont gern: „Die Übungen sind nur das eine, wichtig ist vor allem die Wudang-Kultur. Sie ist die Grundlage und dazu gehören Werte wie Pietät, Aufrichtigkeit, Respekt, Toleranz, Ausdauer und Geduld genauso wie die chinesische Teekultur, die Musik und die Kalligraphie“. Das sind nicht nur daoistische, sondern vielmehr allgemeine traditionelle chinesische Werte, die durchaus in Teilen der Bevölkerung wieder Anhänger finden. Xiwu und seine Mitschüler bieten für chinesische Jugendliche in den Ferien dreiwöchige Sommer-Camps in Wudangshan an, in denen sie genau diese Werte vermittelt. Sie besuchen die Beijinger Mittelschulen, um Wudangshan vorzustellen, und sie geben ehrenamtlich Unterricht für ältere Beijinger Bürger in ihrer Nachbarschaft.
Was macht nun Wudang aus? In Wudangshan verschmelzen daoistische Kultur mit chinesischer Kampfkunst. Unter dem Leitbild „mithilfe des Dao die Kampfkunst Wu entwickeln, mithilfe der Kampfkunst Wu das Dao sichtbar machen“ hat sich die Wu-Dao-Kultur heraus gebildet. „Durch Ruhe die Bewegung beherrschen“ und „mit dem Weichen das Harte überwinden“ sind die Grundlagen der inneren Kampfkunst, allen voran Taijiquan, das von dem Wudang-Mönch Zhang Sanfeng im 17. Jahrhundert gegründet worden ist. Der Weg, dies zu erreichen, hängt nicht von einer bestimmten Fertigkeit oder Methode ab, sondern von einem entsprechenden Bewusstsein und vom geduldigen Studieren und Üben.
In Wudangshan gibt es mehrere Traditionslinien. Das Beijinger Wudaoguan gehört zur Xuanwu-Linie, die Ende der 80 er Jahre wieder fortgesetzt wird. Der Wudang-Abt Wang Guangde ernennt You Xuande zum Linienhalter in der 14. Generation der Xuanwu-Schule. Nur ein Jahr später gründet Meister Xuande die erste Daoistische Wudangshan Sanfeng-Schule. Innerhalb von 10 Jahren gehen daraus 3.000 Schüler hervor. Dies ist nur möglich, weil Wudangshan auch Außenstehende aufgenimmt. Bis in die 80er Jahre können nur ausgewählte Klosterschüler die Tradition fortsetzen. Der Leiter des Beijinger Wudaoguans, Qing Fengzi, gehört bereits zur 16. Generation. Seit über einem Jahr lerne ich dort 36 er Wudang-Taijiquan, eine Reihe von Yangsheng-Formen, unterschiedliche Standübungen, auf die Wudang besonderen Wert legt, sowie die dazugehörigen Basisformen und andere Dinge.
Eine weitere Linie, die Sanfeng-Linie um Meister Yunlong wird ebenfalls Ende der 80 er Jahren weiter geführt. Und noch eine dritte große Richtung, die Longmen-Linie, ist mir bekannt. Kennt man die Hauptlinien und die Linienhalter, dann sind die mittlerweile zahlreichen Schulen und Meister leicht zuzuordnen.
Die heutigen Wudang-Schulen sind sehr gut organisiert. In der Regel wird unterschieden zwischen Yangsheng-Übungen wie Liuzijue oder Wuxing Liuhe, und der Ausbildung in den inneren Kampfkünsten Baguazhang, Xingyiquan und Taijiquan. Der Unterricht wird sehr ernst genommen, die Lehrer beobachten genau und gehen individuell auf die Fähigkeiten der Schüler ein. Man erwartet aber auch, dass sich der Schüler anstrengt, dass er regelmäßig übt, dass er das Üben in den Alltag integriert. Es gibt keinen Grund nicht zu üben. Einmal klagte ich über zu wenig Zeit und viel Arbeit (was stimmte). Prompt kam die Frage zurück: „Hast Du noch Zeit zum Schlafen? Ja? Gut, dann schlafe eine Stunde weniger, dann hast Du eine Stunde täglich zum Üben.“ Lob hört man nicht sehr häufig, Kritik kann schon mal deutlich ausfallen, dafür kann man fragen, was man auf dem Herzen hat. Dass ein Lehrer absichtlich etwas verschweigt, habe ich noch nicht erlebt.
In diesen 100 Jahren schlug das Pendel zuweilen sehr extrem in die eine oder andere Richtung aus. Heute hat es sich etwas beruhigt und schwingt etwas zur Seite der Tradition. „Chinesischer Traum“ lautet die gegenwärtige Regierungsdevise, eine Mischung aus Nationalstolz, Besinnung auf chinesische Werte, Stärkung der Rolle Chinas in der Welt und Wohlstand für die Menschen im eigenen Land. Dies unterstützt und fördert zurzeit die traditionellen Künste.
Die wechselvolle Geschichte hat aber auch zu einer gewissen Vorsicht und Skepsis geführt. Wer weiß, vielleicht schlägt das Pendel in ein paar Jahren wieder in die andere Richtung. Nichtsdestotrotz haben sich mittlerweile eine Reihe von Institutionen und Gruppen gebildet, staatliche, gesellschaftliche und private, die traditionelle Künste wie Qigong und Taijiquan regelmäßig pflegen. Manche Menschen haben zu Qigong gefunden, andere halten sich lieber mit modernen Sportarten fit. Die chinesische Gesellschaft ist vielfältiger geworden und für Massenbewegungen - ob staatlich gelenkt oder selbst organisiert - nicht mehr so leicht empfänglich.
Bernd Müller, Beijing September 2016
Kupfer, Kristin:
Emergence and Development of Spiritual-Religious Groups in the People’s Republic of China after 1978 (Diss), Bochum 2009
Liu Tianjun:
Medizinische Qigong-Lehre (zhongyi qigongxue), Beijing 2012
Palmer, David A.:
Qigong Fever, London 2007
John Voigt:
The Man Who Invented Qigong, aus: Qi - The Journal of Traditional Eastern Health&Fitness, August 2013
Wang Guangde:
Geschichte des Wudang-Daoismus (wudang daojiao shilüe), Beijing 1993
You Xuande:
Wudang daoistische Yangsheng Daoyin Lehre (wudang daojiao yangsheng daoyin shu), Beijing 2011
You Xuande:
Wudang Taijiquan (wudang taijiquan), Beijing 2009
Yu Zhijun:
Geschichte des Taijiquan (taijiquan shi), Beijing 2012